Das Wort mit der wir in unserer ritterlichen Tradition unsere vielfältige Gestaltung praktischer Nächstenliebe benennen heißt Hospitalität. Hospitalität meint, nicht wir selbst sind die Handelnden, sondern Gott ist es, der durch uns handelt. Hospitalität ist darum immer zu allererst Gottesdienst, zu dem sich der Ritter mit Leib und Seele bekennt, indem er sagt: Ich diene Gott! Die Ganzheit der Hospitaliät umfasst in diesem Sinne all unsere Caritas und Diakonie.

Wir stehen im Lazarus-Ordens in einer sehr langen Tradition, die ihre ideellen Wurzeln im orientalischen Christentum des vierten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung hat. Sie hat uns gelehrt, im Bedürftigen den Herrn zu erkennen. Insofern verstehen wir unseren hospitalischen Dienst für die Geringsten als Dienst an und für unseren Herrn Jesus Christus. Das ist der Grund, der uns unter dem Dach des Ordens zusammenführt und eint. Von hier aus entfaltet sich und wächst unsere ökumenische Spiritualität, die offen für Christen aller Bekenntnisse ist, denn Not kennt keine Grenzen. Unser Zugang zur Einheit in der Vielheit ist daher die alles umgreifende Hospitalität, die ihre höchste Komplexität in der alltäglichen Gegenwart unseres leidenden Herrn Jesus Christus selbst hat, der für uns alle den Vater bittet: Alle sollen eins sein. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich.

Einer der Meinen Jesu, von denen uns das Evangelium des Johannes berichtet, ist Lazarus von Bethanien, der Namenspatron unseres Ordens. Der Name bedeutet in unsere Sprachwelt übertragen so viel wie „Gott hilft“. So wundert es nicht, dass dieser Freund Jesu, dem der Herr selbst das Leben neu geschenkt hat, Patron zahlloser Leprosenhäuser in aller Welt wurde; auch dessen, das den Anfang unserer Gemeinschaft vor den alten Toren Jerusalems darstellte. Unsere Urahnen, die entweder selber an Lepra litten oder um das Ansteckungsrisiko wussten, haben sich Lazarus wohl sehr bewusst als ihren Patron ausgesucht. Denn sie haben durch ihn erkannt, dass Leiden und Tod nicht die letzte Wirklichkeit und das Ende sind, sondern ein Anfang, eine Durchgangsstufe, eine Tür , hinter der ein neues Leben in der Geborgenheit von „Abrahams Schoß“ wartet. Das hat sie aufgerichtet. Das ist ihr Vermächtnis für uns. In diesem Sinne sind wir als Mitglieder des Lazarus-Ordens gerufen, durch das Wirken Gottes in uns Licht in die Dunkelheit von Menschen in materieller und seelischer Not zu bringen, damit sie trotz aller Verlassenheit in der Welt Geborgenheit in der Anteilnahme und Nähe Gottes mit unserer Hilfe finden.

(Aus der "Deutung der christlichen Ritterschaft" im Vigil-Gottesdienst)

Lazarus e.V. © 2019